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{"id":120,"date":"2020-04-16T20:24:28","date_gmt":"2020-04-16T18:24:28","guid":{"rendered":"http:\/\/systembeobachter.org\/?page_id=120"},"modified":"2020-04-16T21:23:07","modified_gmt":"2020-04-16T19:23:07","slug":"kasachstan","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/systembeobachter.org\/?page_id=120","title":{"rendered":"Kasachstan"},"content":{"rendered":"<div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_120 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_120')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_120').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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Ein Offizier sagte uns, alle Einwohner und das Vieh werden evakuiert, mit Ausnahme von 40 Personen, darunter auch ich. Wir mu\u00dften bleiben.&#8220;<br><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Kinder mit zu vielen Fingern oder zu vielen Zehen, mit Darm- oder Nierenkrebs: Opfer sowjetischer Atombombenversuche. Dem ersten H-Bomben-Test 1953 wurden Menschen sogar bewu\u00dft ausgesetzt. Der d\u00e4nische Journalist Thomas Heurlin gelangte k\u00fcrzlich in unmittelbare N\u00e4he des Versuchsgel\u00e4ndes. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Thomas Heurlin 01.01.1990<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das berichtet Tugai Rakjembjew, 59, der &#8211; linksseitig gel\u00e4hmt &#8211; die letzten 30 Jahre meist im Bett verbracht hat: in einem primitiven Holzhaus des Dorfs Karaul, 100 Kilometer entfernt vom wichtigsten sowjetischen Wasserstoffbomben-Testgel\u00e4nde bei Semipalatinsk in Kasachstan, einer mittelasiatischen Sowjetrepublik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rakjembjew kennt inzwischen die Ursachen seiner Krankheit: Zwangsweise war er als Versuchskaninchen der Strahlung der ersten sowjetischen H-Bombe ausgesetzt worden. Er ist einer der wenigen \u00dcberlebenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Wir wurden zur\u00fcckgelassen, ohne im entferntesten zu ahnen, was passieren w\u00fcrde. Am n\u00e4chsten Morgen sahen wir einen heftigen Blitz, der eine viel st\u00e4rkere Leuchtkraft als die Sonne hatte. Der Horizont f\u00e4rbte sich rot, eine gro\u00dfe dunkle pilzf\u00f6rmige Wolke war zu sehen. Wenig sp\u00e4ter wehte uns eine Staubwolke entgegen. Nach einer Stunde kamen die Soldaten zur\u00fcck. Sie trugen Gasmasken und eine besondere Schutzkleidung. Sie * Oben: am 6. August 1989 mit Plakaten &#8222;Wir wollen leben&#8220;, &#8222;Testgel\u00e4nde&#8220; (r.); sie erreichten einen Test-Stopp bis 31. Dezember 1989; unten: fotografiert von einem zur Ausbildung in die UdSSR abkommandierten Ungarn. Der Stabsoffizier erlitt sp\u00e4ter eine unbekannte Krankheit, derentwegen er sich 1966 das Leben nahm. befahlen uns, in Autos zu steigen, und fuhren mit uns davon&#8220;, erz\u00e4hlt Rakjembjew.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Unsere Autos hielten vor einem Milit\u00e4rlager. Man rief unsere Namen auf und untersuchte uns mit einem Dosimeter. Schlie\u00dflich befahlen sie uns, 200 Gramm Wodka zu trinken.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die 40 D\u00f6rfler blieben ahnungslos, die Soldaten brachten sie f\u00fcr 18 Tage auf eine Hunderte von Kilometern entfernte Sowchose, nach ihrer R\u00fcckkehr entnahmen ihnen Milit\u00e4r\u00e4rzte Blutproben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu den 40 Dorfbewohnern, die das Milit\u00e4r f\u00fcr den Atomversuch ausgew\u00e4hlt hatte, geh\u00f6rte auch Talrat Selambekow, heute 64. Er erz\u00e4hlt, 1954 sei er zusammen mit 7 der 40 Testpersonen in die n\u00e4chste Stadt, nach Semipalatinsk, gebracht und 45 Tage lang in einem geheimen medizinischen Institut beobachtet worden, das den Namen &#8222;Dispensarium Nummer 4&#8220; trug:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Der Leiter des Dispensariums erkl\u00e4rte, sie untersuchten uns zum Nutzen der Wissenschaft und zum Wohle der kommenden Generationen. Wir wagten nicht zu protestieren, die Dinge lagen damals eben anders. Unsere Frauen f\u00fcrchteten sogar, man habe uns abgeholt, um uns zu erschie\u00dfen. Sie schickten eine Delegation zum Parteikomitee und fragten nach, was mit uns geschehen sei.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach den Angaben von Rakjembjew und Selambekow leben nur noch 7 der 40 Personen, die an den Versuchen teilnehmen mu\u00dften. Die meisten starben vor ihrem 50. Lebensjahr an Leuk\u00e4mie, Lymphdr\u00fcsen-, Haut- und anderen Krebsarten oder an verschiedenen Herzkrankheiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rakjembjew bezieht eine Rente von 112 Rubel (weniger als 350 Mark) im Monat. &#8222;Ich sitze seit 30 Jahren in diesem Haus. Meine Existenz ist sinnlos, f\u00fcr meine Familie wie f\u00fcr die Allgemeinheit nur eine Belastung&#8220;, sagt er.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Bericht ist nur eine der zahllosen menschlichen Trag\u00f6dien unter den Einwohnern in der Umgebung der riesigen Atomtestanlage in Kasachstan. Furcht vor Repressalien und das isolierte Leben in der verlassenen Steppe haben die Dorfbewohner vier Jahrzehnte lang daran gehindert, \u00fcber die Folgen von fast 500 Atomexplosionen in diesem Gebiet (161 davon \u00fcber der Erde) \u00f6ffentlich zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ausl\u00e4nder haben zu der Region Semipalatinsk keinen Zugang. Visa werden nur in Sonderf\u00e4llen erteilt. Seit dem Abkommen von 1963 mit den USA und Gro\u00dfbritannien \u00fcber das Verbot von Atomtests in der Atmosph\u00e4re hat die Sowjetunion Atomversuche nur noch unter der Erde angestellt. Glasnost l\u00e4\u00dft jetzt die Dorfbewohner wagen, \u00fcber ihre Qualen zu sprechen. Im Februar 1989 mu\u00dften die Beh\u00f6rden eine \u00f6rtliche B\u00fcrgerbewegung gegen die Atomtests genehmigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die meisten \u00e4lteren Leute in den D\u00f6rfern haben ihre eigene tragische Geschichte \u00fcber die Rauchpilze in den fr\u00fchen Tagen der nuklearen Milit\u00e4rtechnologie zu erz\u00e4hlen. Jetzt sind die Beh\u00f6rden gezwungen, diese Berichte ernst zu nehmen. Auf einer wissenschaftlichen Konferenz in Semipalatinsk, an der j\u00fcngst medizinische Fachleute aus der gesamten Sowjetunion teilnahmen, wurden die Behauptungen der Dorfbewohner best\u00e4tigt, da\u00df die Zahl der Krebserkrankungen hier h\u00f6her liege als andernorts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Konferenz verurteilte auch in scharfem Ton die heimliche Forschungst\u00e4tigkeit des Dispensariums Nummer 4 und nannte dessen T\u00e4tigkeit eine &#8222;Verletzung der grundlegenden humanit\u00e4ren Prinzipien des Mitgef\u00fchls und der medizinischen Ethik&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend der ganzen 40 Jahre der Atomversuche im Gebiet von Semipalatinsk untersuchte das sowjetische Gesundheitsministerium regelm\u00e4\u00dfig und insgeheim eine besonders ausgew\u00e4hlte Gruppe von Anwohnern des Testgel\u00e4ndes. Manche blieben Monate im Dispensarium Nummer 4, das Lawrentij Berija gegr\u00fcndet hatte, Stalins ber\u00fcchtigter Geheimpolizeichef (der \u00fcber das gesamte Atomprogramm die Aufsicht f\u00fchrte; er wurde bald nach Stalins Tod hingerichtet). 1954 unterstellte man die Geheimklinik dem Gesundheitsministerium.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dem Dorf Sarschal, nur 28 Kilometer von der Detonationsstelle der Atombomben entfernt, praktiziert seit 21 Jahren die \u00c4rztin Nagias Zenbajewa. Sie erfuhr weder den Grund noch den Zweck dieser Untersuchungen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Ich kann lediglich best\u00e4tigen, da\u00df die meisten der 243 Personen, die w\u00e4hrend der letzten Jahrzehnte im Dispensarium Nummer 4 untersucht wurden, inzwischen tot sind. Die meisten starben an Krebs, einige an Herzkrankheiten, und andere begingen Selbstmord.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die in Semipalatinsk t\u00e4tigen \u00c4rzte erregen sich \u00fcber die Arbeit des Dispensariums: &#8222;Wir wissen, da\u00df man jahrelang medizinische Untersuchungen an verstrahlten Personen vorgenommen hat, aber wir wissen nichts \u00fcber die Ergebnisse&#8220;, sagt Marija Schangelowa.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr sie als Humanmedizinerin sei es schwierig, Kollegen zu verurteilen, erkl\u00e4rt sie. &#8222;Aber diese medizinisch geschulten Doktoren untersuchen die Menschen nur, sie behandeln sie nicht. Geheime medizinische Statistiken und geschlossene medizinische Institutionen sind ein Verbrechen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frau Schangelowa ist in dem Dorf Karaul geboren und aufgewachsen. Sie best\u00e4tigt, da\u00df Rakjembjew und 39 weitere Versuchskaninchen w\u00e4hrend der Detonation der sowjetischen H-Bombe 1953 zur\u00fcckgelassen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zeugen leben noch, zum Beispiel das Mitglied der Kasachischen Akademie der Wissenschaften, S. B. Balmuchanow, stellvertretender Leiter des Instituts f\u00fcr Onkologie und Strahlungsforschung in Alma-Ata, der Hauptstadt der Kasachischen Sowjetrepublik. Man habe Leute in Karaul w\u00e4hrend der ersten Atombombenexplosion zum Bleiben gezwungen, erkl\u00e4rte er, und in dem Dorf Kainar sei es ebenso gewesen: &#8222;In Kainar mu\u00dften 16 Menschen zur\u00fcckbleiben, w\u00e4hrend die restlichen Dorfbewohner f\u00fcr die Zeit des Atombombentests evakuiert wurden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von 1953 bis 1958 erforschte er selbst die gesundheitlichen Folgen des Atomversuchsprogramms bei Semipalatinsk, im Auftrag der Kasachischen Akademie der Wissenschaften. Die Zentralbeh\u00f6rden in Moskau lie\u00dfen das Forschungsprogramm einstellen. Die ersten Ergebnisse waren strittig. Balmuchanows Forschungsmaterial wurde beschlagnahmt und als Staatsgeheimnis eingestuft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute sind viele \u00c4rzte im Gebiet von Semipalatinsk bereit, offen \u00fcber die Folgen der Versuche zu sprechen. Mediziner eines Kinderkrankenhauses sagten aus, sie behandelten ungew\u00f6hnlich viele Patienten, die unter Sch\u00e4den von Geburt an leiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Vor drei Tagen wurde ein neugeborenes Kind mit Nierenkrebs eingeliefert. K\u00fcrzlich kamen zwei Kinder aus der Gegend am Testgel\u00e4nde zu uns, beide mit Darmkrebs, nur eines \u00fcberlebte. Wir hatten keine andere Wahl als die Operation&#8220;, berichtet ein Arzt. Als Ursache der gro\u00dfen Zahl von pr\u00e4natalen Sch\u00e4den am Ort nennt er die Atomversuche:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Ich habe elf Jahre praktische Erfahrungen als Mediziner. Sieben Jahre lang arbeitete ich in einem anderen Teil von Kasachstan, dort gab es angeborene Defekte selten, aber hier sehen wir sehr viele. Herzsch\u00e4den und mi\u00dfgestaltete Gliedma\u00dfen sind weit verbreitet. Oft haben Kinder zu viele Finger oder Zehen. Kein Zweifel, da\u00df die Strahlung dabei eine wesentliche Rolle spielt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den letzten Monaten richtete sich heftige Kritik gegen das Gesundheitsministerium, es halte Informationen \u00fcber die Katastrophe von Tschernobyl aus dem Jahre 1986 zur\u00fcck. Da \u00fcberrascht es niemanden, da\u00df sich das Ministerium trotz zahlreicher Anfragen bislang weigert, \u00fcber seine geheimen Forschungen an Strahlenopfern im Gebiet von Semipalatinsk Auskunft zu geben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Chefarzt des Dispensariums Nummer 4 namens Gussew lehnte ein Interview ab. Generalleutnant Iljenko, der verantwortliche Offizier auf dem Testgel\u00e4nde, dementierte \u00e4rgerlich, da\u00df Zivilisten w\u00e4hrend der Atomtests in den fr\u00fchen f\u00fcnfziger Jahren zur\u00fcckgelassen worden seien: &#8222;Das sind Behauptungen von Extremisten und Provokateuren. Von Anfang an wurde alles getan, um die \u00f6rtliche Bev\u00f6lkerung zu sch\u00fctzen.&#8220; Nur Tiere seien zu solchen Experimenten benutzt worden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber die Regierungszeitung Iswestija enth\u00fcllte im Oktober, w\u00e4hrend einer milit\u00e4rischen \u00dcbung im S\u00fcdural sei 1954 absichtlich eine Atombombe gez\u00fcndet worden. Todesf\u00e4lle, langfristige Krankheiten seien in Kauf genommen worden &#8211; diese Versuchskaninchen waren Soldaten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-13496519.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-13496519.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang August 1953 kamen die Soldaten in unser Dorf. Ein Offizier sagte uns, alle Einwohner und das Vieh werden evakuiert, mit Ausnahme von 40 Personen, darunter auch ich. 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